HAPPY END

FR/AT/DE · 2017 · Laufzeit 108 Minuten · FSK 12 · Drama · Darsteller: Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz u.a.

Mit zwei Goldenen Palmen in Folge, einem Oscar und zahllosen anderen Auszeichnungen hat Michael Haneke die Messlatte für einen neuen Film in kaum zu erreichende Höhen geschraubt. Doch nicht nur deswegen wirkt sein neuer Film „Happy End“, der im Wettbewerb von Cannes seine Premiere erlebte, wie ein Leichtgewicht im Oeuvre des Regisseurs.

Quelle: www.programmkino.de

Der Laurent-Clan führt in der französischen Hafenstadt Calais ein florierendes Bauunternehmen. Patriarch der Familie ist der greise George (Jean-Louis Trintignant), der schon lange seine Lebenslust verloren hat. Seine Kinder Anne (Isabelle Huppert) und Thomas (Mathieu Kassovitz) leiten das Unternehmen, das sich gerade in einen Regressfall verstrickt sieht.
Annes Sohn Pierre (Franz Rogowski) soll das Unternehmen eines Tages leiten, zeigt jedoch keinerlei Talent oder auch nur Interesse an Arbeit. Thomas wiederum hat gerade seine 13jährige Tochter Eve (Fantine Harduin) aufgenommen, die bislang bei seiner ersten Frau lebte. Doch diese hat Selbstmord begangen, ein Schicksal, das etliche der Familienmitglieder geradezu anstreben.
Ein so großes Figurenensemble hat Michael Haneke seit „Code Inconnu“ nicht mehr versammelt, dass der Patriarch der Familie seine dahinsiechende Frau mit einem Kissen erstickte ist ein deutlicher Hinweis auf „Amour“, das die Enkelin Eve mit Vorliebe durch ihr Handy auf die Welt blickt und gern fragwürdige Experimente mit ihrem Hamster durchführt, lässt an „Benny‘s Video“ denken, und das Verhältnis zu den aus dem Maghreb stammenden Hausangestellten der Laurents verweist auf „Cache“. Wie ein Best Of -Haneke wirkt „Happy End“ in vielen Momenten, als würde der österreichische Regisseur in seinem neuen Film einen Rückblick auf seine Karriere werfen, Motive und Bilder, Figurenkonstellationen und Ideen zitieren.
Die typischen Haneke-Themen lassen sich finden, eine zunehmende Lieblosigkeit innerhalb der Gesellschaft wird aufgezeigt, die auch persönliche Beziehungen zersetzt, Vertrauen und Nähe zerstört. Immer wieder blendet Haneke Monitore aller Art ein, Fernseher, Computerscreens, Handys, Überwachungskameras, Zeichen der Entfremdung, der Kommunikation aus zweiter Hand. Allein der alternde George liest hier noch Zeitung, doch der kulturelle, geistige Verfall seiner Umgebung hat ihn mit solchem Weltekel vergiftet, dass er sich nichts lieber tun würde als sterben.
Alles an „Happy End“, von den Figuren, über die präzisen, kalten Bilder der Kamera bis hin zum zynischen Grundton ist unverkennbar Haneke, viele Momente überzeugen - und doch ist das Ergebnis diesmal deutlich weniger als die Einzelteile, die sehr vielen Einzelteile. Es mag als intellektuelles Spiel überzeugen, derart viele Versatzstücke zusammenzutragen, wie es Haneke hier tut, mit Selbstzitaten zu spielen, in kurzen Szenen allerlei Themen anzureißen. Die Folge dieses Stils ist aber, dass keine der vielen Figuren wirkliche Substanz hat, das die Sezierung gesellschaftlicher Abgründe an der Oberfläche bleibt, das wenig von der Wucht und Spannung zu spüren ist, die Hanekes beste Filme so besonders machen. 75 Jahre ist Haneke inzwischen schon alt und man kann nur hoffen, dass dieser nur bedingt gelungene Rückblick auf das eigene Schaffen nicht der Schlusspunkt einer so brillanten Karriere darstellt.
 
Michael Meyns

Quelle: www.programmkino.de

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AB 12 JAHREN / 108 MINUTEN