"Aufgedreht - Jugendfilmtage in Oberhausen"-Programme

2007     2008     2009     2010   2011  

Beautiful Bitch

Deutschland 2008, 108 Minuten
Regie: Martin Theo Krieger
FSK: ab 12

Die elternlose 15-jährige Bica lebt mit ihrem kleinen Bruder auf den Straßen Bukarests. Der ehemalige Polizist Cristu beobachtet sie bei ihren Diebestouren. Als der Bruder von der Polizei geschnappt wird und in ein Heim kommt, lässt  Bica sich von Cristu nach Deutschland locken, um in einer Gruppe von rumänischen „Klaukids“ Geld zu verdienen. Unter dem Regime des Patrons Cristu werden die Kinder skrupellos ausgenutzt: 500 € täglich müssen sie abliefern, Kontakte außerhalb der Gruppe werden drakonisch bestraft. Doch dann trifft Bica die verwöhnte Milka, deren Vater sie gerade bestohlen hat. Zwischen beiden Mädchen entwickelt sich langsam eine Freundschaft, sodass Bica, auch „Bitch“ genannt, die Welt „normaler“ Teenager kennen lernt: rumhängen, chillen, Streetball spielen und sich zum ersten Mal verlieben. Als ihre Beziehungen zu Milka und ihrer Gruppe bekannt werden, kommt es zu einer Auseinandersetzung mit dem Patron, in der Bica in Lebensgefahr gerät.
Kinderarmut in Europa hat viele Gesichter. Organisierte Banden aus rumänischen Waisenkindern, die in Westeuropa wie Sklaven für ihre Patrons stehlen müssen, sind ein solches Gesicht. Der Film erzählt vom bedrückenden Schicksal dieser Kinder und konfrontiert es mit einer Jugend im eher bürgerlichen Umfeld. Durch diese gelegentlich plakativ wirkende Gegenüberstellung wird erkennbar, was den „Klaukids“ durch Not und Zwang geraubt wird: ihre Jugend, ihre Hoffnungen und ihr Recht auf ein eigenes Leben. Ein lebendiger Dialog, ausdrucksstarke Darsteller und eine nicht zimperliche Dramaturgie erlauben Einblicke in eine abgeschlossene, erschreckende Welt. Die Diebin Bica und die Rebellin Milka teilen die Sehnsucht nach einem anerkannten Platz in der Gesellschaft und verhalten sich trotz aller Verschiedenheit solidarisch. Sie finden sich mit Gleichgültigkeit und Gewalt nicht ab und suchen nach einem Ausweg, bei dem sie ganz auf sich gestellt sind.

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Der Brief für den König

Deutschland/Niederlande 2008, 107 Minuten
Regie Pieter Verhoeff
FSK: ab 6

Auf Wunsch seines Vaters wird Schildknappe Tiuri mit 16 Jahren Ritter. Dabei fühlt er sich selbst dieser Verantwortung noch gar nicht gewachsen. Die Nacht vor dem Ritterschlag muss Tiuri gemeinsam mit anderen Anwärtern schweigend in der Kapelle Wache halten. Strengstens ist es den Jungen verboten, die Tür zu öffnen. Als jedoch ein Verwundeter draußen Hilfe erfleht, entscheidet sich Tiuri, seinem Gewissen zu folgen und gerät damit in ein Abenteuer, das ihn zum Mann machen wird. Im Auftrag des sterbenden Ritters Edwinem muss er dem König des Nachbarlandes einen wichtigen Brief überbringen. Seine Mission führt Tiuri durch viele Mutproben und Gefahren. Im Kampf gegen die Roten Ritter und ihrem skrupellosen Anführer Slupor findet er unerwarteten Beistand und einen treuen Freund in dem Jungen Piak. Zusammen erreichen sie ihr Ziel und bewahren das Land vor großem Unheil, was Tiuri schließlich doch noch die Ritterwürde einbringt.

Der gradlinig inszenierte Abenteuerfilm basiert auf dem preisgekrönten Jugendbuch von Tonke Dragt aus dem Jahre 1962. Im Gegensatz zu Fantasyfilmen wie "Der Herr der Ringe" oder "Die Chroniken von Narnia" werden hier keine mystischen Welten mit Gnomen und Zauberern entworfen. Vielmehr wird das Ritterdasein im Mittelalter realitätsnah inszeniert, wenngleich die imposante Landschaft, die grau-blaue, teilweise lichthelle Farbgebung, die herbstliche Atmosphäre und die eher zurückhaltene Musik dem Film etwas Traumhaftes verleihen. Trotz einiger Actionszenen liegt der Schwerpunkt auf der psychologischen Entwicklung Tiuri, der an seiner Aufgabe wächst und sich dabei selbst kennen lernt.

Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit:
Zentrales Thema ist der Reifungsprozess der Hauptfigur Tiuri. Er wird aus einer intakten in eine labile Welt hineingerissen, deren Regeln er zunächst nicht durchschauen kann. So weiß er anfangs nicht, wer Freund, wer Feind ist. Nur widerwillig hat der Junge die an ihn herangetragene Aufgabe übernommen, lernt dann aber im Laufe seiner Reise für sich und andere Verantwortung zu übernehmen. Nach dem Prinzip "learning by doing" verfolgt er sein Ziel und findet oft trickreiche Lösungen aus scheinbar auswegslosen Situationen, wodurch er an Selbstvertrauen und innerer Stärke gewinnt. Wenngleich als Held der Geschichte angelegt, ist Tiuri aber ein normaler Junge mit Ängsten und Zweifeln und bietet damit durchaus Identifikationspotenzial für Jugendliche von heute. Darüber hinaus geht es in dem Film um Werte wie Freundschaft, Treue, Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft und Mut. Hier bietet der Film einen guten Ansatzpunkt, um zu hinterfragen, welchen Wert diese "ritterlichen Tugenden" heutzutage haben. Da Tiuris Lebenswelt im Film nicht verklärt wird, lässt sich damit auch das Mittelalter sowie das Ritterwesen thematisieren.

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Love, Peace & Beatbox

Deutschland 2008, 70 Minuten
Regie: Volker Meyer-Dabisch
FSK: ab 12

Mit einem Boxkampf hat das Beatboxing herzlich wenig zu tun, obwohl in dieser Untergattung des HipHop längst auch Meisterschaften ausgetragen werden. Unter Beatboxing versteht man das Erzeugen und Imitieren von Tönen mit dem Mund, die oft täuschend echt einem Schlagzeug oder anderen Perkussions-Instrumenten ähneln. Häufig werden darüber hinaus weitere Srcatches, Cuts, Melodien oder Vocals mit Hilfe des Mundes erzeugt. Der unterhaltsame Dokumentarfilm von Volker Meyer-Dabisch stellt diese in Berlin besonders aktive junge Musikszene, die seit 2001 ihren Siegeszug durch die ganze Welt angetreten hat, und einige der erfolgreichsten Beatbox-Protagonisten Deutschlands vor, darunter die 4xSample Crew, den zurzeit amtierenden Deutschen Meister im Teambeatboxen. Der Film konzentriert sich dabei auf die Zeit zwischen den Beatboxmeisterschaften 2006 und 2007.

Faszinierend und vielschichtig wie sich die derzeitige Beatboxing-Szene darstellt, hat der Regisseur auch seinen Film gestaltet, der zudem mit 70 Minuten Länge nicht künstlich aufgebläht wirkt und das Interesse der Zuschauer – und Zuschauerinnen, auch Frauen beteiligen sich inzwischen am Beatboxing – durchgängig zu fesseln vermag. Geschickt werden Kurzinterviews, die den persönlichen Zugang des Regisseurs zur Szene erkennen lassen und nicht an der Oberfläche hängen bleiben, mit zahlreichen Ausschnitten von öffentlichen Auftritten (Live-Performances) insbesondere der Meisterschaften 2006 und 2007 kombiniert. Diese Vorgehensweise rückt die Protagonisten in den Mittelpunkt, lädt über deren Lebenseinstellung zur Identifikation beziehungsweise zum Vergleich mit ihnen ein und arbeitet ihre Leistungen heraus, in denen sich Kunstfertigkeit mit Fantasie und sehr persönlicher Note (Love & Peace) kombinieren.

Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit:

Jeder Mensch hat eine besondere Begabung, die im Rahmen des gängigen Schulunterrichts häufig weder erkannt noch gefördert wird. Wie sich auch ohne teures Equipment allein mit Hilfe des eigenen Körpers Rhythmus und Musik erzeugen lassen, demonstrieren der Beatbox und mit ihm der Film auf eindrückliche Weise. Insbesondere im Rahmen des Musikunterrichts lässt sich aufzeigen und in praktischen Übungen nachvollziehen, dass der Rhythmus ein Grundelement des Lebens und Teil einer umfassenden Kommunikationsfähigkeit ist, die sich nicht allein auf die Herausbildung der Sprache beschränken lässt. Darüber bietet der Film, der nebenbei den Beweis antritt, dass auch Dokumentarfilme für Jugendliche äußert attraktiv sein können, auch in anderen Fächern gute Ansatzpunkte für die Auseinandersetzung mit Jugendkulturen, v.a. Hip Hop, die Herausbildung von Identität, persönlichem Ausdrucksvermögen und Lebensentwürfen und Visionen jenseits gängiger Karrierevorstellungen.

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Mein Freund aus Faro

Deutschland 2007, 93 Minuten
Regie: Nana Neul
FSK: ab 12

Die burschikose Mel, 21 Jahre alt, arbeitet als Küchenhilfe in einer Fabrik. Als sie eines Abends auf der Heimfahrt auf die hübsche 14-jährige Anhalterin Jenny trifft, beginnt ein unkontrollierbares Verwirrspiel. Jenny hält Mel irrtümlicherweise für einen Jungen, und Mel lässt sich auf das Spiel ein: Sie erfindet sich neu, gibt sich als Portugiesen "Miguel" aus Faro aus. Im Folgenden kommt Miguel immer öfter zum Einsatz, trifft sich mit Jenny. Die beiden verlieben sich ineinander. Vor ihrer Familie lässt sich Mel jedoch nichts anmerken, bezahlt sogar einen Arbeitskollegen, um bei der Verlobungsfeier ihres Bruders ihren Freund zu mimen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis beide Welten aufeinanderprallen.


"Wer liebt ist ein anderer. Und derselbe für sich allein", schreibt der renommierte portugiesische Dichter Fernando Pessoa, der auch im Film zitiert wird. Das Ringen um die verschiedenen Geschlechter-Identitäten ist eine schauspielerische Gradwanderung. Wie die junge Theaterschauspielerin Anjorka Strechel hierbei das richtige Maß an Sentimentalität und Glaubwürdigkeit findet, ist großartig. Und auch die Regisseurin Nana Neul trifft in ihrem Spielfilmdebüt stets den richtigen Ton. In jeder Sekunde ist sie nah an den Figuren, nimmt sie ernst und vermeidet es gekonnt, ihre Emotionen plakativ darzustellen. Ihre Inszenierung ist angenehm unaufgeregt, ihr Rezept für die Melange aus Leidenschaft, Melancholie und Schmerz gut abgeschmeckt. Komplettiert wird es durch eine ausdrucksstarke Bildsprache, eingefangen von der Kamerafrau Leah Striker, die bereits als Kamera-Assistenz am Set von "Babel" Erfahrungen sammeln durfte.

Die Geschichte zu "Mein Freund aus Faro" entstand im Rahmen der Münchner Drehbuchwerkstatt. Das Skript wurde beim Saarbrücker Max Ophüls-Festival 2008 mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet, der Film lief auf dem internationalen Filmfest von Karlovy Vary - eine viel versprechende Bilanz für ein Erstlingswerk. In der Jurybegründung des Max-Ophüls-Preises heißt es: "Mit wenigen Worten wird hier viel gesagt." In diesem Sinne: Dem ist nichts hinzuzufügen. (br-online, Ronja Dittrich)

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2er ohne

Deutschland 2008, 93 Minuten
Regie: Jobst Christian Oetzmann
FSK: ab 12

Der 17-jährige Ludwig ist ein impulsiver und auffälliger Typ. Er lebt mit seinem Vater und seiner Schwester Vera auf einem Bauernhof. Als Ludwig in eine neue Schule kommt, zieht er sofort den Spott vieler seiner Mitschüler auf sich. Der gleichaltrige Johann hingegen - ein eher ruhiger, fast schon schüchterner Typ, der schon lange auf der Suche nach einem echten Freund ist - fühlt sich sofort zu ihm hingezogen. Bald schon freunden sich die Jungen miteinander an, und mehrere gemeinsame Erlebnisse schweißen sie schnell zusammen: Zum einen müssen die beiden mit an sehen, wie sich ein junges Mädchen fast vor ihren Augen von einer Autobahnbrücke stürzt. Zum anderen haben die beiden - wechselseitig davon wissend - Sex mit der gleichen Mitschülerin, Josefine. Für Johann ist dies eine große, wichtige Erfahrung in seinem Leben, Ludwig hingegen zeigt sich weniger beeindruckt.

Was Ludwig jedoch wirklich fasziniert, ist das Rudern. Bald schon trainieren die beiden zusammen in einem Zweier ohne Steuermann und bereiten sich auf kommende Wettkämpfe vor. Über eine lange Zeit sind die beiden scheinbar unzertrennlich, ja, dank angeglichener Glatzen-Frisur und gleicher Klamotten kommen sie fast schon wie Zwillinge daher. Während Ludwig die Gemeinsamkeiten sichtlich genießt, werden sie für Johann mehr und mehr zu einer bedrückenden Enge. Als sich schließlich Johann auch noch in Ludwigs Schwester Vera verliebt, diese seine Gefühle erwidert und sich zwischen den beiden eine ernsthafte Beziehung zu entwickeln beginnt, reagiert Ludwig mit gefährlich ausartender Eifersucht...

Schon sein erster Kinofilm basierte auf einer Erzählung von Dirk Kurbjuweit, nun verfilmt Jobst Christian Oetzmann erneut ein Werk des Autors. „2er Ohne“ ist ein gut gespieltes und gefilmtes Drama um zwei Jugendliche, die eine intensive Freundschaft erleben. Die besonders anspruchsvolle Ruderklasse "2er ohne" (Steuermann) fungiert dabei als passende Metapher für zwei Menschen, die eins werden wollen und gerade dadurch ihre Unterschiede feststellen.
(www.programmkino.de, Michael Meyns)

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