HERRLICHE ZEITEN

DE · 2017 · Filmlänge: 110 Min. · FSK: 16 · Komödie, Drama · Darsteller: Oliver Masucci, Katja Riemann, Samuel Finzi u.a.

 

 

Gesittet läuft das deutsche Kino meist ab, bloß nicht anecken, bloß nicht verstören scheint die Devise der meisten Regisseure zu sein. Ganz anders Oskar Roehler, der auch mit seinem neuen Film“ HERRliche Zeiten“ seinem Ruf als Provokateur gerecht wird und mit einem brillanten Oliver Masucci in der Hauptrolle von Wohlstand, Langeweile, Sadismus und der Verführungskraft der Macht erzählt.

 

 

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In gutbürgerlicher deutscher Idylle lebt das Paar Claus (Oliver Masucci) und Evi (Katja Riemann), die den schönen, sprechenden Namen Müller-Todt tragen. Er hat sich mit Schönheitsoperationen eine goldene Nase verdient, sie ist Hypochonderin, die mit allerlei Pillchen ihren Biorhythmus am Laufen hält. Nachdem einmal mehr eine Haushaltshilfe geflohen ist, wird neues Personal gesucht, im Suff schreibt Claus in die Anzeige „Sklave gesucht“, der sich dann auch findet: Zahlreiche Gestalten in Ledermontur, mit Peitschen und an Leinen stehen am nächsten Tag vor der Tür, zum (vorläufigen) Erschrecken von Claus.
 
Allein Bartos (Samuel Finzi) verströmt distinguierten Charme und wird bald zusammen mit seiner sehr jungen, sehr schönen Frau Lana (Lize Feryn) zum unverzichtbaren Teil des Müller-Todtschen Haushaltes: Moorpackungen, Massagen, fantastisches Essen, ein Leben wie im Traum. Sogar einen Pool will man sich bauen, Bartos organisiert osteuropäische Arbeiter, schwarz natürlich, und nicht nur dadurch nehmen die Strukturen von Herr und Diener sinistere Töne an.
 
Zumal sich mit dem sehr arabischen Mohammed Al Thani (Yasin El Harrouk) ein Nachbar bemerkbar macht, der den Exzess im Gegensatz zu Claus Müller-Todt von Geburt an verinnerlicht hat: Wo Claus sich noch sträubt, Bartos Anordnungen zu erteilen, ist Al Thani anderes gewöhnt: Dekadente Partys voller Alkohol, Drogen und Sex feiert er und offenbart seinem neuen besten Freund Claus auch die Geheimnisse seines Kellers. Und die kann Claus bald brauchen, denn Bartos und seine Frau sind nicht so folgsam wie sie scheinen.
 
Satire lebt von der Überzeichnung und überzeichnet ist die Vororthölle von Oskar Roehlers Film vom ersten Moment an. Fast nie werden Haus und Grundstück der Müller-Todts verlassen, die wie Gefangene in ihrer eigenen Welt wirken, Gefangene in einem künstlichen, formatierten Leben. Einen Ausweg bietet hier allein der Exzess, das Spiel mit einer Rollenverteilung, in die gerade Claus bald mit zunehmender Begeisterung hineinwächst.
 
Mit seinen bunten Anzügen, dem übertrieben braun gebrannten Gesicht, seinen markanten Wangenknochen und dem akkuraten Scheitel, wirkt Oliver Masucci hier wie die Karikatur eines wahren Ariers, artikuliert seine Sätze dazu in einem Akzent, in dem man wahlweise seine letzte große Rolle als zurückgekommener Führer in „Er ist wieder da“ zu erkennen meint oder das aufgesetzt rheinische Sing Sang eines Joseph Goebbels.
 
Offensiv spielt Roehler mit der Verführungskraft von Macht, mit der Lust zu herrschen, zu unterdrücken, seinen Wohlstand zu zeigen und auszuleben. Politisch korrekt ist das in keinem Moment, weder das ein Araber als Ausgeburt des menschenverachtenden Exzesses geschildert wird, noch dass die Poolbauenden Schwarzarbeiter notorisch kriminell sind, und schon gar nicht, dass der gute Deutsche stets das Opfer der Umstände ist.
 
Viel wurde im Vorfeld dieses Films daraus gemacht, dass Thor Kunkel, Autor der Romanvorlage, immer wieder mit rechtem Gedankengut flirtet und als Werbefachmann an der Werbekampagne der AFD zur letzten Bundestagswahl mitgewirkt hat. Sogar Roehler selbst bezeichnet Kunkel als rechts, aber was heißt das für diesen Film? Diskreditiert das diese Satire über deutsche Befindlichkeiten, Begierden und Abgründe automatisch? Gewiss schießt Roehler manches Mal übers Ziel hinaus, wie das bei Satiren ebenso passiert, doch nicht zuletzt die Lust, mit der Masucci diesen Herrenmenschen spielt, ihn als verführerische, abstoßende Figur gibt, macht die Faszination dieses extremen, unbequemen Films aus.
 
Michael Meyns

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AB 16 JAHREN / 110 MINUTEN