EMPÖRUNG

US · 2016 · Filmlänge: 111 Min. · FSK: 12 · Drama · Darsteller: Logan Lerman, Sarah Gadon, Tracy Letts u.a.

Im Jahr 1955 zieht der 19-jährige Marcus Messner von seinem jüdischen Elternhaus in New Jersey in die Kleinstadt Winesburg in Ohio, um Jura zu studieren. Bis zum Obersten Gerichtshof kann es der Musterschüler schaffen, da sind sich alle einig: Die Kommilitonen vom College nennen ihn den „Gelehrten“, seine Mutter lobt ihn als „Sohn, der alles richtig macht“. Doch der Vater sorgt sich um Marcus, denn wenn dieser sein Stipendium verlieren würde, müsste er zum Militärdienst im Koreakrieg antreten. Entsprechend konform verhält sich Marcus am College, bis er die Mitstudentin Olivia Hutton zu einem Date einlädt und sich geradewegs in eine moralische Zwickmühle manövriert.

Quelle: www.programmkino.de

Bevor James Schmaus den altmodischen Titel „Empörung“ leinwandfüllend einblendet, blickt eine ältere Dame, die im Altersheim Pillen bekommen hat, anklagend in die Kamera. Von ihrem Schicksal und dem des jungen US-Soldaten, der in der zweiten Szene im Koreakrieg über Leben und Tod philosophiert, handelt die folgende Rückblende. Gesellschaftliche Zwänge und (elterliche) Erwartungen, Rebellentum und misslungene Anpassung sind die Eckpfeiler des schonungslosen Dramas, das Schamus präzise entwickelt.
 
Im Jahr 1955 zieht der 19-jährige Marcus Messner (Logan Lerman) von seinem jüdischen Elternhaus in New Jersey in die Kleinstadt Winesburg in Ohio, um Jura zu studieren. Bis zum Obersten Gerichtshof kann es der Musterschüler schaffen, da sind sich alle einig: Die Kommilitonen vom College nennen ihn den „Gelehrten“, seine Mutter (Linda Emond) lobt ihn als „Sohn, der alles richtig macht“. Doch der Vater (Danny Burstein) sorgt sich um Marcus, denn wenn dieser sein Stipendium verlieren würde, müsste er zum Militärdienst im Koreakrieg antreten. Entsprechend konform verhält sich Marcus am College, bis er die Mitstudentin Olivia Hutton (Sarah Gadon) zu einem Date einlädt und sich geradewegs in eine moralische Zwickmühle manövriert.
 
„Empörung“ könnte eine unbeschwerte Coming-of-age-Story erzählen, in der ein Heranwachsender erste (sexuelle) Erfahrungen sammelt und seinen Platz in der Gesellschaft sucht (wie etwa der ebenfalls mit Logan Lerman besetzte „Vielleicht lieber morgen“). Doch hier steckt der konservative 50er-Jahre-Kontext das Spielfeld ab. Am College wacht der fromme Dekan Dean Caudwell (Tracy Letts) über Moral und Sitten. So müssen die Studenten mindestens fünfzig Teilnahmen an der wöchentlichen Predigt nachweisen, um zum Examen zugelassen werden. Als Atheist tut sich Marcus schwer mit religiösen Normen; in seinem Antragsformular für die Uni trägt er beim Beruf des Vaters „Metzger“ und eben nicht „koscherer Metzger“ ein. Auch der jüdischen Verbindung will Marcus nicht beitreten. Das erregt Verdacht.
 
Seine Herkunft als Drehbuchautor merkt man dem Inszenierungsstil von James Schamus an. Der Fokus liegt auf den geschliffenen Dialogen, die schon die Literaturvorlage auszeichneten. Eine Schlüsselszene ist ein langes Rededuell zwischen Marcus und Dean Caudwell, bei dem der Dekan konstatiert: „Ich mag ihre Satzstruktur, die Intention.“ Schamus hat keinen Film inszeniert, der Pirouetten mit der filmischen Form dreht, sondern ein schwelendes Drama mit übersichtlichen Schuss-Gegenschuss-Situationen, akkuratem Produktionsdesign und einer konventionellen Montage. Manches verbleibt in Andeutungen, flackert nur in Blicken auf, anderes wird glasklar ausgesprochen. Jede Dialogzeile, jede Handlung ist mit Bedeutung aufgeladen und lenkt die Konzentration auf die Dialoge und Schauspieler.
 
Das erwähnte Streitgespräch zwischen Marcus und Caudwell ist symptomatisch für die grundsätzliche Scheinheiligkeit, die die interpersonellen Beziehungen prägt. Dem ersten Anschein nach wirken die Menschen, denen Marcus begegnet, hilfsbereit und aufgeschlossen, geradezu väterlich: „Nennen Sie mich Dean“, fordert der Dekan. Doch der Schein trügt. Letztlich geht es dem Dekan um die Aufrechterhaltung der konservativen Regeln, der vermeintlich offene Dialog ist vielmehr ein Verhör. Auch Marcus kann das Korsett der Konventionen nicht völlig abstreifen. Olivias Offenherzigkeit stößt ihn ebenso vor den Kopf wie der Scheidungswunsch seiner Mutter. Marcus ist eben ein Kind seiner Zeit. Die aufrichtigste Figur ist die psychisch labile Olivia. Im bitteren Schlussakt, der die zwischenmenschliche Katastrophe wie in einer antiken Tragödie zuspitzt, spiegelt sich ihr Schicksal passenderweise in einer piefigen Blumentapete.
 
Christian Horn

Quelle: www.programmkino.de

AB 12 JAHREN / 111 MINUTEN