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FI · 2017 · Filmlänge: 100 Min. · FSK: 6 · Drama, Komödie · Darsteller: Sherwan Haji, Sakari Kuosmanen, Ilkka Koivula u.a.

Mit nostalgischem Interieur und satten Farben wirken die Filme von Aki Kaurismäki und die skurrilen Typen, die darin walten, wie aus der Zeit gefallen. Mit „Le Havre“ startete der Finne 2011 seine „Hafen-Trilogie“ über das globalisierte Europa, wo er mit der Freundschaft eines Schuhputzers zu einem Flüchtlingsjungen auf die politische Wirklichkeit Bezug nahm. Seine neue Tragikomödie „Auf der anderen Seite“ knüpft hier an, diesmal kommt der Flüchtling aus Syrien und lernt in Helsinki einen Restaurantbesitzer kennen. Die gesellschaftliche Bestandsaufnahme kombiniert Kaurismäki mit seinem ureigenen lakonischen Tonfall und dem vielfältigen Humor. Auf der 67. Berlinale lief der Film im Wettbewerb und Kaurismäki erhielt völlig berechtigt den Silbernen Bären als Bester Regisseur.

Quelle: www.programmkino.de

Ein Frachtschiff teilt den Nebel vor Helsinkis Hafen, zwischen Kohlestücken schält sich ein blinder Passagier heraus, es ist der junge Syrer Khaled (Sherwan Haji). Aus seiner Familie lebt nur noch die Schwester, die er während der Flucht quer über den europäischen Kontinent aus den Augen verlor, bevor er zufällig in Finnland landete. Als ihm das Einwanderungsamt das Asyl verweigert, schlägt sich Khaled als Illegaler auf der Straße durch, wo er nach tumben Neonazis und wehrhaften Obdachlosen schließlich den wortkargen Handelsvertreter Wikström (Sakari Kuosmanen) trifft.
Wikström beginnt ebenfalls gerade ein neues Leben, nachdem er seine alkoholkranke Ehefrau verlassen hat. Mit dem Gewinn aus einem Pokerspiel kauft er ein marodes Restaurant, das er mit Hilfe der alten Belegschaft zum Laufen bringen will. Dazu testet er diverse Geschäftsideen und kredenzt den Kunden unter anderem das wohl mieseste Sushi aller Zeiten.
Zur Begrüßung geben sich Khaled und Wikström erst mal gegenseitig was auf die Nase. Der Syrer hatte im Hinterhof des Restaurants genächtigt, dem Finnen passt das nicht. Doch kurz später schließen sich die Männer umso fester ins Herz. Wikström stellt den Mechaniker als Tellerwäscher und Putzmann an, wofür er ihm falsche Papiere kauft. So verbrüdern sich der gutherzige Chef, der junge Flüchtling und die Lokalmitarbeiter im Angesicht der gesellschaftlichen Misere zu einer drolligen Truppe aus Underdogs.
Außenseiter und Verlierer macht Kaurismäki gern zu Helden. Die Hoffnung aus dem Titel meint die solidarische Gemeinschaft, die unwahrscheinliche Freundschaft, die der alte Finne und der junge Syrer eingehen. Kaurismäki plädiert für den Zusammenhalt der kleinen Leute, mehr als sonst in seinem Werk formuliert er eine Utopie, die explizit auf die politische Realität rekurriert.
Deutlich hervor tritt die Haltung des Filmemachers, als die Einwanderungsbehörde Khaleds Asylantrag ablehnt, weil es in Aleppo angeblich wieder sicher ist – und Kaurismäki dazu Kriegsbilder aus der kaputt bombardierten Stadt montiert. Eine Analyse der komplexen Weltlage unternimmt der Finne aber nicht, viel mehr trennt Kaurismäki das Richtige vom Falschen, dazwischen gibt es keine Kategorien. Die Borniertheit der Behörden ist schlecht, die Neonazis sind übel, die Gebeutelten, Abgehängten und Obdachlosen halten zusammen. So einfach könnte es sein, dass es in der echten Welt aber nicht unbedingt so läuft, prägt den melancholischen Anstrich des Films.
Das Thema der neuen Tragikomödie von Aki Kaurismäki ist zwar zeitgemäß, seine Handschrift kommt aber so altmodisch wie immer daher. Stilistisch bleibt alles wie gehabt: Die Autos sind alt, die Requisiten ebenfalls, gepokert wird im Hinterzimmer. Gedreht hat der Autorenfilmer seinen Film auf 35mm-Material, wodurch die markanten Farben noch kräftiger strahlen. Die Musik kommentiert die oft verknappt ausgeführte Handlung, die teils brüllend komischen Pointen sitzen bündig, und manchmal bleibt Platz für Slapstick.
Die Welt des Aki Kaurismäki wirkt auch in „Die andere Seite der Hoffnung“ künstlich, nie steht außer Frage, dass man einen Film schaut. Am Ende ist der neue Kaurismäki trotz Realitätsbezug eben doch ein menschliches, sorgenvolles, gut aufgelegtes Kinomärchen.
Christian Horn
Quelle: www.programmkino.de

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