DER WEIN UND DER WIND

FR · 2017 · Laufzeit 114 Minuten · FSK: 0 · Drama · Darsteller: Pio Marmaï, Ana Girardot, François Civil u.a.

Burgund, der goldenen Mitte Frankreichs, widmet der französische Ausnahmeregisseur Cédric Klapisch sein wunderbar authentisches Sozialporträt über den Weinanbau zwischen Tradition und Moderne. Nach der chaotischen WG in Barcelona („L´Auberge espagnole“), dem Zusammenprall der Welten eines Börsenmaklers und seiner Putzfrau („Mein Stück vom Kuchen“) und seiner Liebeserklärung an Paris („So ist Paris“), ist seine neue, exzellente Darstellerriege dieser Familiensaga nun durchwegs erwachsen geworden. Sie müssen sich entscheiden für oder gegen ein Leben in der Provinz, dem Weiterführen des Erbes ihrer Eltern und Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Ein weiteres Glanzstück französischen Erzählkinos.

Quelle: www.programmkino.de

„Burgund ist kein Land, Burgund ist das Leben“, wusste einst der französische Präsident François Mitterand. Das Stichwort savoir-vivre scheint in dieser seit den Römern gehegten Kulturlandschaft ein Lebensprinzip. Sanfte Hügel, ein Mosaik aus ummauerten Weinbergen, sattgrünen Wäldern und Wiesen, dazwischen romanische Kirchen, gemütliche Dörfer, die Wonnen seliger Provinz. Nicht zuletzt genießen Weine aus Burgund einen legendären Ruf. Rubinrot rollt ein Vosnée-Romane im Glas, goldgelb ein Chablis, smaragdgrün ein Pouilly-Fuissé. Große und kleine Kellereien bergen ihre Geheimnisse und Traditionen.
 
Der Region, die als goldene Mitte Frankreichs gilt, dem versonnenen Landstrich, der sich inzwischen jedoch so manchem Diktat der Neuzeit beugte, widmet Ausnahmeregisseur Cédric Klapisch sein französisches Feel-Good-Movie. Nach der Erasmus-Stipendiaten-Komödie („L´Auberge espagnole“-Trilogie), dem Zusammenprall der Welten eines Börsenmaklers und seiner Putzfrau („Mein Stück vom Kuchen“) und einer Liebeserklärung an Paris („So ist Paris“) begeistert der 55jährige erneut mit einem wunderbaren Sozialporträt, das durch seine Authentizität besticht. Wie in seiner gelungenen, charmanten Stadtteilstudie „Jeder sucht sein Kätzchen“, erzählt er unaufgeregt und trotzdem spannend vom wirklichen Leben. 
 
„Ein Weinberg im Burgund ist der Kavier in der kriselnden Landwirtschaft“, weiß der Weinliebhaber. Mit seinem Vater, der Wein aus dem Burgund bevorzugte, besuchte er als Jugendlicher regelmäßig die Gegend. Die Bodenpreise in der Region sind inzwischen explodiert. an der Cote d´ Or werden die höchsten Grundstückspreise verlangt und bezahlt. Eine Entwicklung, die auch in seiner Familiensaga die Dramaturgie bestimmt. Denn noch gehört der Großteil der Parzellen mit den Weinbergen den Einheimischen. Aber niemand weiß wie sich die Dinge entwickeln. Schon warten amerikanische und chinesische Investoren auf ihre Chance.
 
Spätsommer im Burgund. Die Weinernte steht bevor. Der dreißigjährige Jean (Pio Marmaï) kehrt nach zehn Jahren der Funkstille auf das idyllische Weingut seiner Familie zurück. Der einstige Globetrotter will sich mit seinem Vater aussöhnen. Doch der ständige Umgang mit der chemischen Keule machte dem bodenständigen Weinbauer im Alter zu schaffen. Im Krankenhaus ringt er mit dem Tod. Jeans Geschwister Juliette (Ana Girardot) und Jérémie (François Civil), versuchten das Gut über die Jahre aufrechtzuerhalten. Jetzt können sie jede Unterstützung gebrauchen. Aber alte Wunden heilen nicht so schnell.
 
Zudem kämpft Jean, der sich in Australien als Winzer ansiedelte, mit Schulden und steckt mitten in einer Beziehungskrise. Er vermisst seinen kleinen Sohn und seine argentinische Frau. Als der Vater stirbt stehen die drei ungleichen Geschwister vor neuen Herausforderungen. Gemeinsam müssen sie entscheiden, ob die Familientradition weitergeführt werden soll. Falls jeder seiner eigenen Wege geht, bedeutet das gleichzeitig das Ende ihres Weinguts. Schon streckt der reiche Schwiegervater seine Fühler aus. Und die 27jährige Juliette muss, um als Gutsherrin anerkannt werden, ihren Erntehelfern gegenüber unfreiwillig Stärke demonstrieren.
 
Dass Frauen als Winzerinnen oftmals von den ehemaligen Angestellten nicht akzeptiert werden, ist kein Dreh, den der Autorenfilmer sich für seine geradlinige Inszenierung ausdachte. Tatsächlich hörte er von einem derartigen Fall: So kündigten alle Arbeiter eines Weinguts, als die Tochter nach dem Tod ihres Vaters seinen Betrieb übernahm. Der dokumentarische Stil seines einmaligen, französischen Erzählkinos zeigt sich bei den Szenen im Weinberg ebenso wie bei der opulenten Feier nach der Ernte. Nicht umsonst drehte er seinen Film über ein Jahr lang, um über die Monate hinweg alle Stationen der Weinproduktion realistisch festzuhalten.
 
Einen Landstrich im Wandel der Jahreszeiten zu erleben ist dabei ein besonderer Augenschmaus. Unaufdringlich vermittelt sein cineastisches Kleinod Momente fast verloren gegangener Naturverbundenheit. Dazu passt, dass Jean und seine Geschwister sich weigern ihre Weinreben mit Pestiziden nieder zu spritzen. Eine Einstellung reicht aus, um diese Botschaft, völlig unspektakulär in Szene zu setzen: Das Bild des Nachbarbauerns, der auf seinem Traktor mit Gasmaske und Schutzanzug wie ein Außerirdischer anrückt, um die chemische Keule auszufahren.
 
Immer wieder sorgt der liebevoll locker konstruierte Plot dafür, dass sich die Wirklichkeit glaubwürdig einmischen kann. Die Begegnung mit Jean-Marc Roulot, einem Schauspieler und Winzer in Meursault, ist dafür von entscheidender Bedeutung. Er avancierte für den Pariser Filmemacher zum versierten Ratgeber. Für den Dreh öffnete er die Tore seines Weinguts, das er übrigens nach dem frühen Tod seines Vaters übernahm. Gleichzeitig fungierte Roulot nicht nur als Berater, sondern übernahm in der Familiensaga die Rolle des langjährigen, kundigen Arbeiters Marcel. Kein Wunder, dass die Einheimischen die erste Premiere des superben „Grand-Cru-Films“ in Dijon zufrieden genossen. Energie und Frische zeichnet auch die exzellente Darstellerriege aus. Allen voran der 32jährige Hauptdarsteller Pio Marmaï, der in der charmanten Beziehungskomödie „Sehnsucht nach Paris“ bereits mit Ikone Isabelle Hubbert flirten durfte.
 
Luitgard Koch

Quelle: www.programmkino.de

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