DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER

D · 2017 · Laufzeit: 111 Min. · FSK: 12 · Drama · Darsteller: Leonard Scheicher, Tom Gramenz, Anna Lena Klenke u.a.

Eines dieser kaum zu glaubenden, wie fürs Kino geschriebenen historischen Ereignisse ist Vorlage für Lars Kraumes neuen Film „Das schweigende Klassenzimmer“. Genau dies tat 1956 eine Abiturklasse in Stalinstadt: Schweigen. Schweigen, um der Opfer des Ungarnaufstandes zu gedenken. Eigentlich keine große Sache, doch im DDR-System, wo Mut und Zivilcourage als konterrevolutionär eingestuft wurde, der Beginn kaum glaublicher Ereignisse, die Kraume mitreißend, berührend und souverän inszeniert. Eine kluge Geschichtsstunde und, um im Titel zu bleiben, ein Film von ganz großer Klasse!

Quelle: www.programmkino.de

1956, die DDR lebt und funktioniert mehr oder weniger, der Mauerbau liegt fünf Jahre in der Zukunft, der Übergang in den Westen ist noch relativ problemlos möglich. Diese Gelegenheit nutzen auch die beiden Abiturienten Theo (Leonard Scheicher) und Kurt (Tom Gramenz) regelmäßig aus, um einen Blick in die selbst ernannte freie Welt zu werfen. Was in ihrem Fall bedeutet: Auf die nackte Marion Michael, die in „Liane“ durch den Dschungel schwingt. Doch davor steht die Wochenschau und in ihr Berichte aus Ungarn und den gerade stattfindenden Protesten gegen die Regierung.
 
Nicht etwa von einer von Faschisten angeführten Konterrevolutionären wie in den DDR-Medien ist hier die Rede, sondern von Freiheitskampf und sowjetischer Brutalität. Zurück in der Heimat verbreiten Theo und Kurt ihre Information und stoßen auf Überraschung, aber auch auf Ablehnung: Erik (Jonas Dassler) etwa glaubt fest ans Regime, andere sind da skeptischer und lassen sich nach der im verbotenen RIAS-Radiosender gehörten Nachricht, dass der ungarische Fußballer Ferenc Puskás ums Leben gekommen ist, von Kurt zu einer symbolischen Geste überreden: Einer Schweigeminute.
 
Dass ihr Lehrer wutentbrannt die Klasse verlässt, amüsiert die angehenden Abiturienten noch, doch während ihr Direktor (Florian Lukas) die Sache nicht zu heiß kochen und am liebsten unter den Tisch kehren will, sieht das die Kreisschuldirektorin ganz anders. Bald zieht die Affäre weite Kreise und die Schüler stehen vor der Entscheidung standhaft zu bleiben und damit am Abitur und einer möglicherweise besseren Zukunft gehindert zu werden, oder einzuknicken und die Wahrheit einmal mehr zu vertuschen.
 
Erst 2006, also 50 Jahren nach den Ereignissen, schrieb Dietrich Garstka seinen Tatsachenbericht, der nun Basis für den neuen Film von Lars Kraume ist. Erneut zieht es den Regisseur von „Der Staat gegen Fritz Bauer“ also in die deutsche Vergangenheit, dreht er einen Historienfilm, der eine Weile braucht, bis er in Fahrt kommt. Etwas verstaubt mutet die Erzählung anfangs noch an, etwas zu typisch wirkt die Darstellung der DDR-Realität Mitte der 50er Jahre, doch bald spielt das keine Rolle mehr.
 
Denn immer komplexer werden die moralischen Zwiespälte, die Kraume andeutet, die vor allem – und das macht seinen Film so gut – nicht auf einfache Gut-Böse-Muster zu reduzieren sind. Allein das Duo Theo und Kurt etwa, zwei Freunde, der eine, Theo, Sohn eines Vaters (Roland Zehrfeld), der seine Aktivität im Volksaufstand 53 teuer bezahlt hat, rebellisch und antiautoritär, der im Zweifelsfall lange aber doch lieber eine Notlüge vorzieht. Kurt dagegen, Sohn des Stadtrats, nimmt die Aktion, die Schweigeminute viel ernster und damit auch die Konsequenzen.
 
Es ist viel von Wahrheit die Rede, von Notlügen und den Strukturen der Macht und doch ist „Das schweigende Klassenzimmer“ nie aufgesetzt und didaktisch. Ja, es ist ein moralischer Film, ja, er dürfte bald fester Teil des Ethik- und Geschichts-Unterricht deutscher Gymnasien werden, aber genauso sehr sollte er in Filmklassen gezeigt werden. Nicht weil Kraume hier besonders innovativ oder experimentell zu Werke geht, sondern weil er mit bemerkenswerter Souveränität eine Geschichte erzählt. Hier zeigt sich ganz deutlich, wie viel es ausmacht, wenn ein Regisseur oft und regelmäßig arbeiten kann, wenn er sich ausprobiert und eine Lässigkeit entwickelt, die ihn an vielen Fallstricken seiner Geschichte vorbeifilmen lässt. Rührselig und sentimental hätte „Das schweigende Klassenzimmer“ werden können, doch dank Kraumes mitreißender, souveräner Inszenierung ist es ein berührender, emotionaler, auch kluger Film geworden, eine Geschichtsstunde, aber vor allem wuchtiges Kino.
 
Michael Meyns

Quelle: www.programmkino.de

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AB 12 JAHREN / 111 MINUTEN